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Presse Ausgetrickst

Das Leben, ein Strudel


Der US-Zeichner und Autor Alex Robinson hat mit dem Drama „Ausgetrickst“ ein Meisterwerk des Autorencomics geschaffen. Jetzt ist es auf Deutsch erschienen.

Besser spät als nie. In der amerikanischen Comicszene hat sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren eine kleine, aber ständig wachsende Gruppe anspruchsvoller Autoren und Zeichner etabliert, deren Arbeiten aus dem Meer der kunterbunten, qualitativ extrem heterogenen Durchschnittsware wie elegante Leuchttürme herausragen. Seth und Chester Brown, Adrian Tomine und Daniel Clowes, Craig Thompson und Chris Ware dürften zu den in Deutschland bekannteren Namen gehören. Aber sie sind nur die Vorhut. Nach und nach werden jetzt auch Arbeiten von bei uns weniger bekannter nordamerikanischen Autoren ins Deutsche übertragen, sodass breitere Leserkreise sie entdecken können.
Eine Perle des US-Autorencomics hat kürzlich der sehr engagierte Verlag Edition 52 nach Deutschland gebracht: Das 350-Seiten-Epos „Ausgetrickst“ von Alex Robinson, 2005 erstmals erschienen und seitdem mit diversen Comicauszeichnungen bedacht. Der knapp 40-jährige New Yorker erzählt darin eine komplexe, anfangs verschachtelte und als Ganzes doch bemerkenswert klar strukturierte Geschichte, die psychologischen Tiefgang, menschliches Drama und knallharte Action meisterhaft verbindet.
Es geht um sechs Menschen, die anfangs nichts miteinander zu tun zu haben scheinen – und am Schluss in einem mörderischen Finale zueinander finden. Komplexe Charakterstudien in Wort und Strich prägen die Handlung. Robinson ist ein Meister im Einfangen von ambivalenten Stimmungen und zwischenmenschlichen Komplikationen, ohne dass sein Erzählfluss je schwerfällig oder bemüht wirkt. Klug konstruierte Dialoge und Monologe der Akteure verwebt er mit handwerklich perfekt ausgeführten Zeichnungen zu einer fein ausbalancierten Einheit, wie sie nicht viele Comicschaffende hinbekommen.
Durch geschickte Perspektivwechsel gelingt es Robinson, den Leser einfühlsam an alle sechs Hauptfiguren heranzuführen, sodass man sich mit jeder von ihr
Klang der Stille. Robinson braucht nicht immer Worte, um etwas zu sagen. identifizieren kann – und es bei manchen später bitter bereut, wenn man erlebt hat, wie sie unter Druck agieren und was sie anderen Menschen antun.
Im Zentrum steht der alternde, melancholische Rockstar Ray, der unter Druck steht, weil er schon lange keinen Hit mehr gelandet hat. Sein ihm anfangs noch unbekannter Gegenpart ist der Computerfachmann, Musikkenner und Soziopath Steve, den mit Ray zu Beginn nur die neurotische Begeisterung eines besessenen Fans zu verbinden scheint. Nach und nach legt Autor Robinson die Grundlagen für eine komplexe Handlung, in deren Verlauf drei Frauen und ein weiterer Mann zentrale Bedeutung für das von der wirklichen Welt abgeschottete Leben von Ray und den wachsenden Wahnsinn von Steve gewinnen – bis es am Ende zu einem für alle Beteiligten unerwarteten und vom Leser zunehmend herbeigefieberten Showdown kommt.
Beziehungsarbeit. Miteinander reden und einander verstehen sind nicht immer das gleiche, wie Robinson vorführt.
Auf dem Weg dahin nimmt Robinson sich Zeit, die menschlichen Beziehungen und vor allem die Beziehungsprobleme seiner Figuren herauszuarbeiten. In sensiblen, klaren Bildern bringt er die junge Phoebe ins Spiel, die ihren verschollenen Vater sucht; Caprice, die einfach nur glücklich sein will, sich aber vor allem selbst im Wege steht; Nick, der als Sympathieträger eingeführt wird, sich aber später als brutales Ekel erweist; und Lily, die Muse des Musikers, die durch Zufall dazu beiträgt, dass ihr geliebter Ray in tödliche Gefahr gerät.
Sog der Bilder. Kurz vor dem schicksalhaften Augenblick, der über Leben und Tod entscheidet.
Die Geschichte beginnt wie ein ruhiger Fluss, langsam und träge, entwickelt sich dann aber mit kontinuierlich zunehmendem Tempo zu einem gewaltigen Strom, der den Leser mitreißt und gegen Ende auf einen gigantischen Strudel zusteuert, gegen den sich keine der Figuren wehren kann. So wie die Handlung an Fahrt gewinnt, löst sich auch Robinson von der anfangs klar strukturierten Zeichenform. Nach und nach geraten Panelrahmen außer Kontrolle, so wie es auch das scheinbar geordnete Leben der sechs Hauptfiguren tut. Am Schluss brechen nicht nur die eingeübten Verhaltensformen der Handelnden zusammen, entpuppen sich Lebensgeschichten als Lüge und Glücksversprechen als hohle Phrasen. Auch grafisch zeigt Robinson den Kontrollverlust in wirbelnden Bildern, die nach und nach die Formen sprengen, bis alles in einem großen Knall endet.

Wer „Ausgetrickst“ nach der Lektüre nur schwer aus der Hand legen mag und sich mehr von diesem Kaliber wünscht, kann sich mit einer Nachricht trösten, die der Verlag Edition 52 kürzlich bekannt gab: Im Frühjahr wird auch die Alex Robinsons Zeitreise-Abenteuer „Too Cool to be Forgotten“ auf Deutsch erscheinen.

Alex Robinson: Ausgetrickst, 350 Seiten, 22 Euro, Edition 52.

Quelle: Der Tagesspiegel Online, Lars von Törne


Es gibt diese Situationen: Da erscheint ein neuer Comic; man hat vor dem Erscheinen die Verlagsvorschau gelesen und dachte sich: „Das ist nichts für mich.“ Dann steht der Band endlich im Laden, und weil man ja schon negativ voreingenommen ist, will der Funke nicht so richtig überspringen. Und irgendwann ist der Band aus dem Neuheitenregal, und somit aus dem Gedächtnis, verschwunden. Doch nach einigen Monaten wird einem der Titel dann dringend empfohlen und man versucht es doch einmal. Und wenn auch nur, um hinterher sagen zu können: „Wusste ich doch, gefällt mir nicht!“ Schön, wenn man dann doch begeistert ist. Mit „Ausgetrickst“ von Alex Robinson ist es mir genauso gegangen. Was folgt, ist eine Begründung, warum der Band absolut lesenswert ist.

Der erste beeindruckende Moment findet sich bereits direkt am Anfang. Ähnlich wie bei einem Theaterstück stellt Robinson seine Figuren vor. Allerdings nicht in einer schlichten Auflistung, sondern der Leser wird direkt auf knapp zwei, drei Seiten in die Situation der jeweiligen Figur eingeführt. Dabei gelingt es ihm, die Vorstellung der ersten Figur, den erschlafften Rockstar Ray Beam, mit der letzten Figur, der Bürohilfe Lily, erzählerisch zu verknüpfen und so sofort in die Handlung einzusteigen. Vier weitere Figuren wirft Robinson ins Geschehen und lässt diese teilweise in Beziehung treten. So zum Beispiel die junge Phoebe, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Sie trifft auf Caprice, die im Lokal von Phoebes Vater kellnert und später ein Verhältnis mit Nick haben wird. Nick fälscht Unterschriften auf Fanartikeln. Doch der bei weitem aufregendste Charakter ist derjenige, der keinerlei Beziehung einzugehen imstande ist. Steve ist der typische Loser, ein kleiner Büroangestellter, den keiner richtig ernst nimmt. Sein einziges Interesse gilt Ray Beam und dessen ehemaliger Band „The Tricks“.


Quelle:  www.satt.org, Felix Giesa


 Mit Alex Robinsons wunderbarer, vielschichtiger, frisch ins Deutsche übertragener Graphic Novel "Ausgetrickst" (Edition 52) kommen wir zu einem der Höhepunkte des Musikcomics. Im Zentrum steht der zynische, inspirationslose Songwriter Ray Beam, der seit fünf Jahren keinen Song mehr geschrieben hat, bis ihm das Latino-Girl Lily wieder auf die Sprünge hilft. Parallel dazu erzählt Robinson auf vier weiteren, zunächst locker, dann immer enger verknüpften Plotsträngen die Schicksale von Nick, dem manischen Aufschneider und Fälscher von Baseball-Devotionalien, von Phoebe, die ihren schwulen Vater sucht, von Steve, dem schizophrenen Nerd und Ray-Beam-Fan, der sein Medikamente absetzt und langsam abdreht, und schließlich von Caprice, der Wuchtbrumme mit Bindungsängsten.

Virtuos arrangiert Robinson diese komplexe Handlung und lässt am Ende alle Personen ohne auffälliges Krachen im Gebälk zu einem großen Showdown zusammenfinden. Zudem gibt er seiner polyperspektivischen Story das nötige Unterfutter, indem er bei allen Protagonisten das Motiv der Täuschung, des trügerischen Spiels mit Images und Identitäten variiert - und die grafische Umsetzung ist stupend und überaus ambitioniert. Sein Strich ist klar, detailgenau und facettenreich, die Seitengestaltung vielfältig und bisweilen fast experimentell. Nicht zuletzt die aus Steves Perspektive erzählten Szenen, in denen sukzessive der Wahnsinn um sich greift, demonstrieren eindrucksvoll Robinsons zeichnerisches Potenzial. "Ausgetrickst" ist herausragend, nicht nur in dem hier umrissenen Subgenre.


Frank Schäfer,  Rolling Stone 

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